Es ist immer wieder interessant mit anzusehen, wie sich die Gamingbranche die Zukunft des Rennsports vorstellt. Schwebende Boliden scheinen dabei seit jeher eine unumstößliche Säule kommender Mobilität zu sein. Häufig wird dabei in Serien wie Wipeout oder F-Zero ein schlankes, an Rennboote angelehntes Design bevorzugt, das die Fahrzeuge ungeachtet der physikalischen Machbarkeit über der Fahrbahn hält. Das Rennspiel Warp Drive geht dagegen angesichts realer Entwicklungen etwas andere Wege, indem es exotische oder klassische Karosserien und  Drohnen-Optik mit den für Quadcopter typischen vier Propellerringen verbindet. der britische Publisher und Entwickler Supergonk war so freundlich, mir einen XBox One Code zu Testzwecken zu überlassen, das Spiel erscheint darüber hinaus auch noch für den PC, die Playstation und IOS Plattformen, während die Version für die Nintendo Switch bereits 2020 erschien. Als Hauptinspirationsquellen führt das nur 4 Personen umfassende Team das schon erwähnte F-Zero sowie Jet Set Radio an. Während der erste Titel angesichts des futuristischen Renngenres noch nahe liegt, sorgt die Nennung von SEGAs trendiger Skate-Reihe zunächst für etwas Stirnrunzeln. Doch bereits im Hauptmenü wird schnell klar, was gemeint ist, ertönen dort doch funkige Elektro-Hip-Hop Klänge aus der Feder von Hideki Naganuma, der ebenfalls für einen Großteil des überragenden JSR-Soundtracks verantwortlich zeichnet. Das Stück „Pumpin‘ Jumpin‘“ versprüht dann auch die gewohnte gute Laune und treibende Energie früherer Lieder wie „Let Mom Sleep„, stellt gleichzeitig aber auch den Höhepunkt der arg eingeschränkten Musikauswahl dar. Denn weil sich in den eigentlichen Rennen die knappe handvoll Songs, die wohl ohne Naganumas Mitwirkung entstanden, ständig wiederholen, hat man sich trotz halbwegs akzeptabler, treibender Beats den Soundtrack innerhalb kürzester Zeit „überhört“.

Warp Drive

Auch bei der visuellen Präsentation ist der Verweis auf Jet Set Radio zumindest in der Theorie nachvollziehbar, wird die sehr farbenfrohe und mit Graffiti- und Comic- beziehungsweise Print-Effekten durchzogene Optik doch zusätzlich von den typischen schwarzen Außenlinien geziert, die auch den Cell-Shading-Look des Dreamcast-Titels unverkennbar machten. Allerdings ist die Grafik hier sehr viel feiner ausgearbeitet, wodurch auch kleine Details an den Ecken und Kanten der Boliden besser zur Geltung kommen. Vor allem technisch erzeugt Warp Drive damit einen durchaus coolen Look. Dem gegenüber stehen jedoch die mitunter etwas fade gestalteten Landschaften der 12 Rennstrecken: Umgebungen wie „Wald der Riesenpilze“, „Kristallhöhle“ oder auch ein gigantisches Tentakelmonster auf einer verschneiten Bergpiste scheinen eher für eine Kart-Raserei knuffiger Maskottchen als für ein High-Tech-Rennenspektakel passend zu sein und beißen sich zudem auch etwas mit dem eher urban angelegten Jet-Set-Style. Außerdem vermisse ich ein wenig mehr Veranstaltungs-Atmosphäre, denn im Teilnehmerfeld treten gesichtslosen Namen statt markanter Charaktere an, und auch typisches Wettstreit-Beiwerk wie Tribünen, Siegerpodien oder allgegenwärtiges Sponsoring fiktiver Sci-Fi-Marken sucht man vergebens. Und so bin ich mir nicht ganz sicher, was für ein Szenario Warp Drive überhaupt eröffnen will, ist es doch irgendwo zwischen technisch-seriös, stylisch-cool und märchenhaft-niedlich angesiedelt.

Warp Drive

Zum Glück ist gerade bei Rennspielen das Setting eher zweitrangig und die Geschmäcker durchaus verschieden. Spielerisch ist Warp Drive nämlich ein leicht zugänglicher und absolut kompetenter Arcade-Racer, der auf bewährte Genrekonventionen setzt und diese bei Bedarf noch weiter vereinfacht. Auf den angenehm breiten Strecken steuern sich die Fluggeräte fast schon etwas zu einfach durch die Kurven, um die Ideallinie nach Temposchüben, die beispielsweise durch Beschleunigungsfelder ausgelöst werden, zu treffen, ist aber dennoch entsprechendes fahrerisches Können vonnöten. Auch einsetzbare Boosts und ein Extraschub nach einem ausreichend langen, mit dem linken Trigger durchgeführten Drift sorgen kurzzeitigen für mehr Vortrieb und somit bessere Chancen auf einen Sieg. Vor allem die Handhabung des in Zukunfts-Raser anscheinend typischen Item-Systems kommt dabei angenehm entschlackt daher. Denn statt vorgegebene oder zufällige Gegenstände von der Piste aufzugabeln, die dann doch für die momentane Lage unpassend sind, werden lediglich Kristalle eingesammelt, die bequem über die vier Controller-Knöpfe situationsbedingt in Bonusbeschleunigung, einen zielsuchenden Raketenangriff nach vorne oder eine nach hinten abgeworfene Miene umgewandelt werden. Nicht nur die Aktivierung und die jederzeit deutliche Lesbarkeit dieser Aktionen, sondern auch ihr Wechselspiel untereinander bestechen durch ihre simple Eleganz: so können eingehende Geschosse mittels Minen geblockt werden, die ihrerseits mit einem Turboost unbeschadet durchfahren werden können. Mangels Schadensmodell übersteht man aber auch erfolgreiche gegnerische Attacken oder seltenen Feindberührungen zunächst ohne Blessuren, muss aber genau wie bei einem Ausflug in die Auslaufzonen neben der Stecke mit deutlichem Geschwindigkeitsverlust rechnen. Die vierte Möglichkeit der Kristallverwertung ist schließlich noch die namensgebende Warp-Fähigkeit: Diese teleportiert die Piloten und ihre Maschinen unter optischem Feuerwerk gleich einem LSD-Trip nicht nur an vorgegebenen Punkten automatisch zum nächsten Abschnitt, um beispielsweise eine Schlucht zu überbrücken, sondern kann an bestimmten Stellen darüber hinaus manuell ausgelöst werden, um die Fahrt auch mal kopfüber auf alternativen Routen fortzusetzen oder Abkürzungen entlang der Seitenwände zu nehmen. Für andere Passagen ist wiederum der gekonnte Einsatz der Boost-Funktion nötig, denn nur so können höher gelegene Spuren nach einem Sprung erreicht oder aus Gittern bestehende Fahrbahnsegmente passiert werden. Zusammen mit Steilkurven, Gabelungen, Korkenziehern und anderen Schikanen kommen die Rundkurse dabei alleine durch ihre gelungene Streckenführung fast einer wilden Achterbahn gleich, so dass ein Mangel an spektakulären Sehenswürdigkeiten entlang der Begrenzungen kaum auffällt. Auf der Xbox wird die Raserei dabei trotz hohem Tempo und allerlei Rotationen und Effekten stets flüssig und übersichtlich dargestellt, egal ob man in der vermeintlich noch gemütlichen 500ccm Klasse antritt oder den Anspruch  mit 1500ccm noch einmal in die Höhe schraubt. An Wettkämpfen stehen entweder sechs klassische Turniere-Serien zur Auswahl, in denen in jeweils vier Rennen je nach Positionierung Punkte verteilt werden, oder der sogenannte Überlebensmodus, der Ähnlichkeiten mit gleichnamigen Varianten in Fighting Games aufweist und in einer quasi endlosen Abfolge von Rennen Stecken, Teilnehmer und Siegesbedingungen wie eine Mindestpositionierung kombiniert. Um der von Beginn an durchaus fordernden Konkurrenz etwas entgegensetzen zu können, kann verdientes Geld zwischen den Austragungen nicht nur in bunte Lackierungen, sondern auch in Upgrades und Spezialfähigkeiten investiert werden. Weil kein vordefinierter Fuhrpark existiert, sondern das eigene Vehikel komplett aus einzelnen Elementen zusammengesetzt wird, haben die verschiedenen Chassis, Antriebe und Schwebevorrichtungen deutlichen Einfluss auf die Eigenschaften Beschleunigung, Höchstgeschwindigkeit und Fahrverhalten, während der Spezial-Slot beispielsweise einen aufgefüllten Kristall-Vorrat beim Start gewährt oder eines der Attribute noch einmal deutlich verbessert.

Auch hier speckt Warp Drive die Shop- und Tuning-Funktionalität stark ab, indem die Auswahl stets auf eines von nur maximal drei Bauteilen beschränkt ist, das bei Kauf dauerhaft freigeschaltet und sofort installiert wird. Da das Angebot zufällig ist und einige Komponenten in jederlei Hinsicht besser als andere sind, ist dieser Aspekt meiner Meinung nach jedoch nicht ganz so gut gelungen, denn ich hatte das Glück, relativ früh das für mich optimale Setup zu aktivieren, so dass ich die Werkstatt weitestgehend links liegen ließ, um mich voll und ganz den Rennen zu widmen. Als spaßige Alternative gibt es jedoch auch noch 104 Fahrmissionen, die mich angenehm zum Beispiel an den entsprechenden Heimkonsolen-exklusiven Modus in Out Run 2 erinnern. Dort gibt Warp Drive die Fahrzeugkonnfiguration fest vor, und die vielfältigen Herausforderungen reichen von klassischen Motorsportszenarien wie Zeit- oder Positionsrennen über aktionorientierte Anforderungen, in denen die Mitstreiter beschossen oder Minen zerstört werden müssen, bis hin zu Aufgaben, bei denen innerhalb eines Zeitlimits Münzen gesammelt werden müssen. Auch wenn gerade letztere Ziele mitunter recht schwer zu erfüllen sind, finde ich derartig kreativen Umgang mit den Grundbausteinen eines Spiels zur Erweiterung des Umfangs vor allem für Einzelspieler stets lobenswert. Den lokalen Multiplayer-Modus, der bis zu vier Personen die Teilnahme ermöglicht, habe ich dagegen nicht angetestet. Auf die Möglichkeit, sich online zu messen, hat Supergonk indes gänzlich verzichtet.

Warp Drive

So sehr mich Warp Drive anfänglich mit seinen Vermengung unterschiedlicher Stilelemente und der ewig gleichen Musikuntermalung aktiv verschreckt hat, so sehr hat es mich mit der sauberen Spielbarkeit, dem ordentlichen Umfang und einem guten Geschwindigkeitsgefühl überzeugt. Auch wenn die aufgerufenen 25 Euro kein Schnäppchen sind und der Titel nicht frei von Kritikpunkten ist, ist das Spiel vor allem auf der Xbox einen Blick wert, sind die prominenteren Konkurrenz-Serien doch exklusiv auf Nintendo- und Sonykonsolen beheimatet und die Veröffentlichung ihrer letzten Ableger schon eine ganze Weile her.

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