XBox One Review: OlliOlli World im Test

Seit den Sommerspielen 2020 ist Skateboarding olympische Disziplin, doch für viele ist das Rollbrett-Fahren weit mehr als nur ein Sport. Entstanden als quasi „trockene“ Variante des Surfens reichen die kulturellen Einflüsse von Design über Musik bis hin zu Kleidung und ist für manche mehr Lebenseinstellung oder Weltanschauung denn schnöde Form der Fortbewegung oder körperliche Ertüchtigung. Da ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass Videospiel mit Skateboarding-Bezug selten beinharte Simulationen im starren Korsett eines organisierten Wettstreits sind, sondern gerne mal in übertriebener Weise den Flair und die Attitüde der Thematik in actionreichem Gameplay und stylischer Präsentation einfangen. Die OlliOlli-Reihe von Entwickler Roll7 ließe sich beispielsweise am ehesten als anspruchsvoller 2D Skateboard-Autorunner beschreiben, der auf einem themen-typischen Trick- und Kombosystem aufbaut. Statt ihn schnöde OlliOlli 3 zu nennen, hat man den aktuellen Teil der Serie, der seit kurzem für alle gängigen Konsolen und den PC verfügbar ist, OlliOlli World betitelt und mir freundlicherweise ein Review-Code für die XBox One Version zur Verfügung gestellt. Waren die Vorgänger OlliOlli und OlliOlli 2: Welcome to Olliwood (die ich beide leider nicht gespielt habe) noch im etwas kruden Retro-Pixel-Look gehalten, bleibt sich OlliOlli World zwar weiterhin in Sachen Gameplay seiner zweidimensionalen Wurzeln treu, fährt aber für die Grafik die dicken Polygon-Geschütze auf und präsentiert sich im feinsten Cartoon-Look.

OlliOlli World

Wie so ziemlich jeder andere Review des Titels kann auch ich mir diesbezüglich leider einen Vergleich mit der hervorragenden Zeichentrickserie Adventure Time nicht verkneifen. Schließlich ist OlliOlli World doch heißester Anwärter auf den Pendleton Ward Award für „Titel, der am stärksten nach Adventure Time aussieht, ohne direkt auf der entsprechenden Lizenz zu basieren“ (zumindest, wenn es eine solche Auszeichnung gäbe). Das betrifft nicht nur die grundsätzliche, farbenfrohe Grafik in zeitloser Cell-Shading Optik und vor allem die visuelle Gestaltung der Figuren im Spiel, sondern auch die allgemeine Stimmung bis hin zum Umgebungsdesign. Die teils eigenwilligen Menschen und andere „Wesen“, auf die man trifft, würden sich wohl auch in einer Spin-Off-Episode der preisgekrönten TV-Show wie zu Hause fühlen, wenn sie auf Zauberer Abracadaniel oder Graf Zitronenbaum träfen, und Gebiete wie Sunshine Valley könnten mit ihrer Eiscreme-Thematik auch gleich offiziell ein Regierungsbezirk des Candy-Königreichs sein. Und ebenso, wie das Land Ooo trotz tragischer Entstehungsgeschichte nur dafür gemacht zu sein scheint, Finn und Jack mit spannenden Abenteuern zu versorgen, wurde Radlandia von den fünf Skate-Göttern erschaffen, um die abgefahrensten Kombo-Linien und krassesten Tricks zu ermöglichen, durch die sich die Spielfigur als nächstes Skate-Wunder beweisen kann. Letzteres ist nicht etwa eine blumige Umschreibung für das gelungene Leveldesign, sondern die tatsächliche Hintergrundgeschichte von OlliOlli World: Weil sich die aktuelle Amtsinhaberin Chiffon zur Ruhe setzen will, begleitet sie den selbst erschaffenen Charakter zur Regelung ihrer Nachfolge zusammen mit einigen anderen Bewohnern von Radlandia durch eine Vielzahl an Szenarien und steht diesem mit erklärenden Worten zur Seite. Dabei sind die chic inszenierten Zeichentrick-Sequenzen der Trailer zu OlliOlli World leider eben diesen vorbehalten. Stattdessen gibt zu Beginn und Ende eines jeden Levels nett geschriebenes Palaver mit der Crew in Textform, das sich mitunter etwas zieht und zum Glück aber auch übersprungen werden kann. So werden im weiteren Verlaufs nicht nur amüsante Detail zu Land und Leute zutage gefördert, sondern es auch immer mehr Feinheiten der Steuerung und Bewegungsmöglichkeiten erklärt. Merkwürdig ist, dass in diesen eigentlich recht statisch gehaltenen Dialog-Szenen zumindest auf der XBox One S die Figuren leicht abgehackt animiert sind, während das eigentliche Spielgeschehen butterweich und flüssig von statten geht. Das ist auch zwingend nötig, ist OlliOlli World doch ein ziemlich rasantes Spiel, das schnelle Reaktionen voraussetzt. Schließlich reicht ein Sturz aus, um die etwa ein bis zwei Minuten langen Passage komplett von vorne beziehungsweise an einem der drei, vier auf dem Weg verteilten Checkpunkte erneut zu beginnen. Steht in den Anfänglichen Stufen noch ausreichend Gehweg bereit, um mal eine verpasste Grind-Schiene abzufangen, benötigen spätere Aufgaben oftmals eine gekonnte Aneinanderreihung von Aktionen, um Hindernisse zu überbrücken und so überhaupt die Ziellinie zu erreichen. Das reicht zum Glück aber auch aus, um auf der Oberwelt-Karte den jeweils nächsten Abschnitt freizuschalten.

Die Steuerung finde ich selbst für ein Skate-Spiel zunächst recht ungewöhnlich, letztlich dann aber doch recht passend. Dabei ist in der Regel der linke Analog-Stick ausreichend, um die nötigsten Bewegungen zum Durchqueren eines Levels durchzuführen, genügt es doch, ihn in eine Richtung gedrückt zu halten, um Grinds und Wallrides durchzuführen, während das Loslassen einen Sprungtrick einleitet. Wer OlliOlli World aber mit Stil spielen will, muss auch den Rest des Controllers nutzen, etwa, um per Schultertasten zu Rotieren, mit dem rechten Stick Griffe auszuführen oder die Tasten für Kombo-Verknüpfungen auf festen Boden zu drücken oder an speziellen Stellen Abzweigungen zu aktivieren. Selbst der linke Daumen kann mit Street-Fighter-ähnlichen Halb-, Drei-Viertel-und sonstigen Kreisbewegungen noch dazu beitragen, die akrobatischen Einlagen diverser zu gestalten, während perfektes Timing ebenfalls belohnt wird. Um nicht zu überfordern, werden all diese Skate-Moves peu a peu – für meinen Geschmack vielleicht sogar etwas zu sehr – über die gesamte Kampagne verteilt eingeführt. Gerade das dauerhafte Halten und Loslassen des Steuerknüppels ist dabei auch langfristig gewöhnungsbedürftig, und der Wunsch nach einer komplexen Show führt bildlich gesprochen mitunter zu verknoteten Fingern. In den schwierigeren Stufen ist es darüber hinaus praktisch zwingend nötig, sich die Hindernisabfolge einzuprägen, um rechtzeitig die passenden Aktionen auszuführen. Dennoch ist ungemein befriedigend, Tricks in einer langen Kette aneinanderzureihen, um den Punktemultiplikator in die Höhe zu treiben, oder gar einen Level in einer einzigen Kombo abzuschließen, zumal man sich wenigstens nicht noch um das Halten der Balance kümmern muss. Nicht selten wird die erweiterte Bewegungspalette auch benötigt, um die jeweiligen Sonderaufgaben einer jeden Lokalität abzuschließen. Dies umfassen das Übertreffen bestimmter Punkte-Zahlen, das Durchqueren der Strecke in einem Durchlauf sowie Spezialherausforderungen, in denen etwa Objekte eingesammelt oder vermieden werden müssen oder es das Publikum an einer bestimmten Stelle mit einem besonderen Trick zu beeindrucken gilt. Diese Ziele sorgen dann auch mit teils harschem Schwierigkeitsgrad für die nötige Langzeitmotivation und bieten einen Anreiz, sich mit besserem Verständnis für die Bewegungsmöglichkeiten auch bereits abgeschlossene Bereiche erneut vorzunehmen, vor allem, da sie nicht nur teilweise verborgene Abschnitte, sondern auch weitere Gegenstände und Kleidung im bereits zu Beginn schon recht üppig ausgestatteten Charaktereditor freischalten. Die 2.5D Spieleengine von OlliOlli World rückt dabei nicht nur das so angepasste Alter Ego ins rechte Cartoon-Licht, sondern sorgt auch anderweitig für eine sehr dynamische und schlichtweg wunderschöne Präsentation. Mit kontrastreichen Farben werden dabei Szenerie und Levelarchitektur gut sichtbar voneinander getrennt, so dass selbst bei hohem Tempo stets die Übersicht darüber erhalten, mit welchen Elementen interagiert werden kann. Auch innerhalb der fünf verschiedenen Themenwelten wartet jeder einzelne Abschnitt mit sehr individuell gestalteten Umgebungen auf, in deren Hintergründen man bei genauem Hinsehen immer wieder humorvolle Details entdecken kann. Dank der räumlichen Tiefe schlängeln sich teils optionale Wege organisch durch die Landschaft, überschneiden sich auch mal oder sorgen an Half-Pipe-Übergängen dafür, dass das eigentlich strickt von Links nach Rechts ablaufende Gameplay auch mal die Richtung wechselt.

OlliOlliWorld

Leider kann die etwas enttäuschende Musikuntermalung nicht mit der fantastischen Optik mithalten. Wie schon im Test zu Skate City erwähnt, passen chillige Hip Hop Beats zwar meiner Meinung nach nicht nur grundsätzlich gut zu „modernen“ Skate-Spiel, sondern eigentlich auch hervorragend zur positiven und entspannten Atmosphäre von OlliOlli World, konkret klingen die wenigen Songs dann aber trotz qirligem Grundton doch ein wenig zu sehr nach generischen Vertretern der Stilrichtung, die den persönlichen Charakter der Grafik vermissen lassen und sich aufgrund der häufigen Wiederholungen bei längeren Sitzungen schnell abnutzen. Die Umgebungsgeräusche wie das typische Klackern der Skateboard-Rollen oder das metallische Schaben beim Schlittern über Geländer und Schienen geben dagegen wenig Anlass zur Kritik, ebenso wie die gelungene Online-Anbindung. Denn bereits im Storymodus kann man sich nicht nur mit den Bestleistungen der OlliOlli World Gemeinschaft messen, sondern es wird auch stets ein Mitglied mit ähnlichen Leistungen als direkte Konkurrenz präsentiert. Wer will, kann sich dann per Knopfdruck auch direkt den oftmals beeindruckenden Durchlauf ansehen. Und wem die gut 70 vorgefertigten Level nicht ausreichen, kann gegen Spielerinnen und Spieler aus aller Welt in einem täglich neu erzeugten Wettkampf-Kurs per Punktevergleich antreten oder sich per prozeduraler Generierung aus einem Code gleich eine Strecke nach eigenen Vorgaben erstellen lassen.

OlliOlli World mag vielleicht nicht das variantenreichste Spieldesign der Welt bieten, doch schnürt es für das, was es leisten will, nicht nur ein rundum gelungenes Paket, sondern bietet dafür auch eine wirklich ansprechende Verpackung. Über Kleinigkeiten wie leichte Schwächen bei der Musikauswahl und Storypräsentation kann man angesichts der wirklich guten Spielbarkeit ohne weiteres hinwegsehen.
Einige interessante Bonuslevel wie eine als kurze Schleife aufgebaute Stecke, auf der es unter Zeitdruck einen gewissen Highscore zu erreichen gibt oder ein Wettrennen könnten eventuell sogar einen Ausblick auf etwas mehr Abwechslung für die bereits angekündigten Erweiterung sein, doch auch so bereitet OlliOlli World jede Menge Spaß.

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