Die zunehmende Konsolidierung auf dem Videospielmarkt führt leider auch dazu, das einige Genres mehr und mehr zu Nischenprodukten werden. Gerade zugängliche Rennspiele scheinen heutzutage einen schweren Stand zu haben, wenn es sich nicht gerade um Platzhirsche wie Forza Horizon 6 handelt. Auf der Playstation 1 konnte man sie dagegen noch geradezu dutzendweise und mit jeglichem Themenbezug spielen. Eine Reihe, die sich diesem nostalgischen Spielgefühl zusammen mit einer noch viel klassischeren Ansicht des Geschehens angenommen hat, ist Super Woden, für dessen inzwischen dritten Teil Super Woden Rally Edge mit Pubischer East Asia Soft mir freundlicherweise einen Code der kürzlich veröffentlichten XBox-Version überlassen hat. Dass der Racer keine Nummer im Titel trägt ist durchaus begründet, denn während die Vorgänger Super Woden GP und Super Woden GP 2 eine ganze Reihe von Rennserien und Fahrzeugtypen abdeckten, konzentriert sich Super Woden Rally Edge als Spin-Off voll und ganz auf den Rallye-Sport.

Strukturell übernimmt der Titel Vieles von seinen Vorgängern, macht aber auch einiges anders. Kennern der Serie dürfte vor allem der veränderte Blickwinkel auffallen. Statt die Rennstrecken aus einer scrollenden, aber festen, isometrischen Perspektive zu zeigen, wurde die Kamera in großem Abstand direkt hinter dem Boliden in Fahrtrichtung positioniert und folgt ihm nun durch die komplett dreidimensionale Landschaft. Das macht wegen der kurvenreichen Straßen und Schotterwegen, auf denen man sich stets alleine befindet, durchaus Sinn und vermittelt dennoch weiterhin das klassische Spielgefühl einer vergangenen Ära von Videospielen. Alles beim Alten geblieben ist dagegen bei der sehr traditionellen Einzelspielerkampagne: in gradlinig gestalteten Menüs kauft man sich vom knappen Startkapital ein Einstiegsgefährt, mit dem man bei verschiedenen Etappenrennen antritt und das Preisgeld in Tuningoptionen oder gleich neue Vehikel investiert. Ein Platz auf dem Siegerpodest gewährt nicht nur üppigere Prämien, sondern auch Sternchen, mit denen sich neue Karierestufen erklimmen lassen. Grundsätzlich verlaufen diese streng linear entlang der fünf Leistungsklassen der Fahrzeuge, innerhalb eines Rangs stehen aber oft zwei bis vier Rennen zur Auswahl. Für etwas Abwechslung sorgen mitunter Gymkhana-Veranstaltungen, in denen die Fahrkünste in Form von Drifts und Slaloms in einem kleinen, offeneren Abschnitten zur Schau gestellt werden müssen, und Duelle, bei denen direkte Wettstreite mit einem Gegner auf sich überschneidenden Doppelschleifen ausgetragen werden. Kernstück sind natürlich die über 25 Rallye-Strecken zwischen zwei Punkten, die außerdem noch als Rückfahrt-Variante vorliegen und sich über den ganzen Globus verteilen. Von schneebedeckten Pisten in Finnland über Japans verschlungene Bergpassagen bis hin kenianischen Steppenrennen präsentiert Super Woden Rally Edge bei den Austragungsorten die üblichen Verdächtigen des Sports und glänzt stets mit anspruchsvoller Streckenführung. Hier kann der Titel die auch Stärken der Super-Woden-Reihe voll ausspielen und zeigen, dass er trotz Einsteigerfreundlichkeit bei weitem kein simpler Fun-Racer ist. Vielmehr verfügt jeder der zahlreichen Wagen über ein plausibles Fahrverhalten, das vor allem ein gutes Gefühl für Gewicht und Kraft der PS-starken Maschinen vermittelt, ohne all zu simulationslastig daherzukommen. Herausfordernde Kurvenkombinationen und enge Haarnadeln verlangen daher volle Konzentration sowie den gekonnten Einsatz von Steuer, Gaspedal und (Hand)Bremse, und selbst auf seltenen Geraden muss man aufpassen, nicht zu viel Geschwindigkeitsüberschuss in die nächste Biegung zu übernehmen. Im Idealfall bewegt man sich stets auf dem schmalen Grad zwischen unbändiger Kraft und Kontrolle, um das Fahrzeug sowohl im zeitlichen als auch wörtlichen Sinn auf Erfolgskurs zu halten. Denn auch die Eigenheiten der Umgebung bergen rallyetypisch ihre Tücken. Zwar wird weitestgehend auf mehr oder weniger befestigter Straße gefahren und Abweichungen vom relativ engen Korridor setzen das Fahrzeug automatisch zurück, da die Strecken aber nur teilweise von Leitplanken gesäumt werden, stellen Hindernisse wie Steine, steile Böschungen und allgemein hügeliges Gelände eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar. In einer abschüssigen, engen Kurve merkt man förmlich, wie das Auto auch ohne direkten Antrieb den Abhang herunterrutscht, so dass die Freude über Glanzleistungen wie kontrollierte Drifts um so größer ist. Andersherum kann eine unbedachte oder übermütige Aktion schnell den kompletten Lauf ruinieren, denn Annehmlichkeiten einiger moderner Rennspiele wie eine Rückspul-Funktion sucht man vergebens. Auch die Anzahl von möglichen Neustarts ist streng limitiert. Darin liegt dann auch als relativer Laie hinter dem Lenkrad mein größter Kritikpunkt, denn trotz vermeintlich anpassbarer Schwierigkeit, die ich umgehend auf „sehr leicht“ gestellt habe, empfinde ich das Niveau, auf dem fahrerisches Können abgefragt wird, von Anfang an als extrem anspruchsvoll, so dass sich echte Erfolgserlebnisse nur langsam einstellen. Gleiches gilt auch für den Arcade-Modus, der als Bonus-Spiel im Spiel auf eine stark begrenzte Auswahl an fahrbaren Untersätzen und strikte Zeitlimits setzt, innerhalb derer auf einer festen Abfolge von Abschnitten jeweils die Ziellinie erreicht werden muss.
In der Haupt-Spielvariante erstreckt sich jede Rallye dagegen über mindestens zwei Etappen mit fest vorgegebenen Zeiten für eine entsprechende Platzierung. Ein erster Platz schien mir mit meinen Fähigkeiten und einen neu erstandenen Wagen von der Stange zunächst praktisch unerreichbar. Zum Glück erfordern das Fahrzeug-Tuning keinerlei tiefgründiges Mechnikerwissen, sondern folgt dem simplen „mehr ist besser“ Leitsatz, so dass ein Teils über mehrere Stufen voll aufgerüsteter Bolide dann doch wettbewerbsfähig ist. Außerdem ist es durchaus motivierend, sich mit den Besonderheiten einer Passage auseinanderzusetzen, die Maschine am Limit zu halten und so eventuell noch die eine oder andere Sekunde herauszukitzeln. Für gezieltes Training eignen sich die Zeitrennen, die von Anfang an auf sämtlichen Strecken mit dem bis dato freigeschalteten Garageninhalt ausgetragen werden können. Interessant ist, dass ich hier bisher keine Möglichkeit finden konnte, Wetter oder Tageszeit zu beeinflussen, während die gewerteten Events beispielsweise durchaus mal im Regen oder schlechterer Beleuchtung stattfinden. Dafür bietet eine Online-Rangliste aufgeteilt auf Parcours und Klasse einen weltweiten Vergleich der Rallye-Geschicke und ebenfalls einen Anreiz, sich stetig zu verbessern, auch wenn leider keine Replays fremder Fahrten zu Lernzwecken zur Verfügung stehen. Zum direkten Mehrspielermodus kann ich bedauerlicherweise nichts sagen, bis zu vier simultane Teilnehmer und die Möglichkeit, Kollisionen an- oder auszustellen, hören sich aber nach spaßigem Chaos an.
Apropos Anhören: die aus Super Woden GP2 bekannte weibliche Stimme mit starkem asiatischem Akzent zur Ansage des Streckenverlaufs ist weiterhin vorhanden. Während sie im vorherigen Titel nur auf den wenigen Querfeldein-Strecken Kommandos wie „easy rleft“ und „Danger, don’t cut“ gab, ist sie in Super Woden Rally Edge themenbedingt stets präsent und kann mit ihrer Sprachfärbung überschwänglichen Intonation womöglich etwas nerven, so dass ich mir auch zur übergreifenden Motivation alternative freischaltbare Beifahrer gewünscht hätte, selbst wenn nahende Kurven und Gefahren wie Brücken natürlich weiterhin zusätzlich mit kleinen Verkehrssymbolen angezeigt werden. In gleichem Maße fast schon überdynamisch sind die überraschend vielzähligen Musikstücke, die während der Rennen und den Auswahlbildschirmen erklingen. Mal mit rockigen Gitarrenriffs, mal im EDM-Stil sind die Lieder hochenergetisch, verbreiten trotz simpler Struktur umgehend gute Laune und würden ebenso einem Sega-Automaten aus den Nuller-Jahren gut zu Gesicht stehen. So musste ich fast schon ungläubig beim Stück „Disco Killer Music Lover“ hinhören, um sicherzustellen, dass es sich angesichts der bewusst stark verzerrten Sprachfetzen nicht um einen Remix von Daft Punks „Harder, Better, Faster, Stronger“ handelt, sondern lediglich offensiv massiv von diesem inspiriert wurde, und „Funk Boy Slim“ erinnert nicht nur von Namen her an Fatboy Slims „Praise You“. Motorengeräuschen, quietschende Reifen und im schlimmsten Fall schepperndes Blech mögen nicht mit High-End-Ausrüstung individuell im Soundlabor aufgenommen worden sein, und doch steuern sie mit kraftvollem Klang ihren Teil für eine gelungene Renn-Atmosphäre bei.

Genau wie bei der Musikuntermalung auf Originallizenzen zugunsten von Faksimile verzichtet wurde, besteht auch der umfangreiche Fuhrpark nicht aus offiziellen Automobilen, sondern umfasst Fantasiekreationen und -Namen, die aber real existierenden Modellen wie Mini-Cooper oder dem mit seinen Lamellen ikonischen Rallye-Wagen Lancia Stratos HF verdächtig ähnlich sehen, selbst wenn sie aufgrund der Entfernung zur Kamera nicht bis ins kleinste Detail modelliert wurden. Gleiches trifft auch auf die bunten Sponsor-Lackierungen zu. Diese verleihen den Karossen, die dem Rahmen entsprechend natürlich nicht ganz so variantenreich ausfallen und dementsprechend keine Luxus-Limousine oder Supersportwagen umfassen, noch einige interessante Akzente, die durch einen leichten Cell-Shading-Look noch hervorgehoben werden. Während an den Chassis Flächen in kräftigen Farben erstrahlen und Kanten mit einer leichten schwarzen Umrandung hervorgehoben werden, erfolgt die Darstellung der Umgebung etwas traditioneller, ohne dass sich die beiden Aspekte beißen. Vielmehr kommen bei den Landschaften Elemente zum Einsatz, die Super Woden Rally Edge einen nostalgischen Touch verleihen. Bodentexturen basieren nicht auf millimetergenauen Satellitenaufnahmen, sondern lassen ein gewisses Maß an Wiederverwendung erkennen, und die kleinen, aus flachen Sprites bestehenden Zuschauer wecken ebenso wohlige Erinnerungen an vergangene Tage wie der mittels ähnlicher Technik modellierte Baumbestand. Die erkennbar unterschiedlichen Pisten wirken dank der hohen Auflösung, Farbgebung und zahlreichen Charakteristika und individuelle Details abseits der Streckführung wie Publikum, Schilder, Gebäuden oder Gewässern nicht altbacken, sondern vielmehr wie eine behutsam modernisierte Reminiszenz an die Hardwaregeneration des jungen Jahrtausends, die in sich schlüssig ist und die Aufmerksamkeit auf die Kurse und den damit verbundenen Fahrspaß lenkt. Außerdem hat die Grafik den Vorteil, dass sie auch auf einer Xbox One S butterweich läuft und noch Platz für diverse Spezialeffekte von TV-Röhren-simulierenden CRT-Filter bis hin zur Einstellung, die das Renngeschehen in eine Optik taucht, die einem Ölgemälde gleichen soll. das Ergebnis überzeugt jedoch mal mehr, mal weniger.
Mit einem Preis von gerade einmal 15 Euro ist Super Woden Rally Edge eine äußerst umfangreiche und vollends gelungene Zelebrierung des Motorsports im Gewand klassischer Rennspiele, die Triumphe nicht auf dem Silbertablett präsentiert, sondern dafür einiges an Übung und Arbeit verlangt. Dabei ersetzt der Titel in keinster Weise seinen Vorgänger, sondern fokussiert mit neuer Kamerapersektive und der Einschränkung auf Rallye-Wettbewerbe eine der härteten Serien im Rennzirkus, statt ein breites und variantenreiches Feld abzudecken.


